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Denken wir zu wenig kosmopolitisch?

Thema: In den Medien

Ist es ein Salto rückwärts oder gar eine fehlende kosmopolitische Einstellung, wenn die Lehrerverbände die zweite Fremdsprache erst auf der Sekundarschule einführen möchten? Nein, ganz sicher nicht. Zum Zeitpunkt der ersten Fremdspracheninitiative vor zehn Jahren waren die Hoffnungen gross, dass mit dem frühen Lernen zweier Fremdsprachen die Welt der Sprachen den Kindern rascher erschlossen würde. Diese Annahme wurde gründlich widerlegt. Die Zürcher Bildungsdirektion hat ihr Sprachenkonzept nie evaluiert, doch die aufwändigen Untersuchungen zum frühen Sprachenlernen in der Zentralschweiz ergeben ein unerfreuliches Bild. So erreichen weniger als 40 Prozent der Sechstklässler im Französisch die elementaren Lernziele im Sprechen (Niveau A1.2), beim Schreiben sieht es noch düsterer aus.

Ein Tanz auf mehreren Hochzeiten

Die Studie bestätigt das, was die Zürcher Primarlehrerinnen und Lehrer täglich im Unterricht erfahren. Sie haben mit zwei bis höchstens drei Wochenlektionen pro Fremdsprache hoch geschraubte Erwartungen zu erfüllen, die ihre Kräfte verzetteln. Weder Halbklassenunterricht noch Niveaus für intensives Parlieren kann die Primarschule anbieten. Der Tanz auf drei Hochzeiten mit dem Erlernen dreier Sprachen geht an die Substanz. Neu kommen jetzt noch eine Einführung in die Informatik und ein umfassender Ausbau der Naturwissenschaften hinzu.

Allgemein bildende Fächer stärker ins Zentrum rücken

Die Primarlehrerschaft wehrt sich, weil sie ihren Bildungsauftrag seriös erfüllen möchte. Dies kann sie aber nur, wenn man das Wesentliche vom Wünschbaren unterscheidet. Zurzeit hat man den Eindruck, als ob die Schulqualität vom frühen Lernen einer zweiten Fremdsprache abhängen würde. Doch diese Annahme ist ein Trugschluss. Die Sprachenfrage hat zentrale Bereiche des bei den allermeisten Kindern beliebten Realienunterrichts völlig in den Hintergrund gedrängt. Attraktiv vermittelte Naturwissenschaften oder ein spannender Geschichtsunterricht enthalten den Schlüssel zu mehr sprachlicher Kompetenz und bilden ein Fundament für kulturelles Verständnis. Kinder mit ganz unterschiedlichen Begabungen blühen auf, wenn die Lehrerin sie in den Realien ein Stück Welt entdecken lässt. Es sind Fächer, welche weit mehr als ein verunglücktes frühes Symbolfranzösisch die Grundlagen für kosmopolitisches Denken bilden.

Schulische Betriebsamkeit in die Schranken weisen

Wir sind ganz sicher keine Hinterwäldler, wenn wir für ein besseres Sprachenkonzept eintreten. Ein solider Aufbau beim Lernen der Sprachen und eine verstärkte Zuwendung zu den grossartigen Möglichkeiten anderer Fächer führen zu besserer Bildung als aufgesplitterte Betriebsamkeit. Haben wir den Mut, diese pädagogische Grunderfahrung nun in die politische Debatte einzubringen!

Hanspeter Amstutz

by Geyst.ch